Der verkannte Erfinder

Turmuhr und Glocken des Seigerturm.
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Aus Geschichten, Schnärzchen, und andere Begebenheiten von und über Stolberg /Harz, Heft 4:

Der verkannte Erfinder von R. Sch. (1974)

Vor der Tür des Tischlermeisters Grüneberg (heute K. H. Müller, Rittergasse 29) lag wieder einmal ein kaum zu übersehender Berg gespaltenen Buchenholzes. Es war der Winterbedarf von Lehrer R. und wartete darauf, dass er oben auf den Boden getragen und dort aufgeschichtet wurde..
Es würde wohl meine Aufgabe sein, diese Arbeit zu verrichten, denn ich hatte seit Kriegsausbruch (1939) den großen Vorteil, dass mir meine Großmutter den täglichen Mittagstisch bei Lehrer R. ausgemacht hatte.
Das war ein großer Vorteil, denn unser Vater war im Krieg und unsere Mutter mühte sich ab, sechs Mäuler satt zu kriegen. Außerdem hatte Lehrer R. mit seinen Beziehungen zu Jägern und zum „Lande" ganz andere Möglichkeiten. Dankbar sei das auch anerkannt, wenn es auch bei einem Jungen nicht ganz im richtigen Verhältnis stand und mancher abschätzende Blick auf dem Holzhaufen geruht hatte. Frau R. hatte wohl auch ein Einsehen und wollte mir ihren Sohn Gerhard zur Seite stellen, der eben so alt wie ich war. Vielleicht hatte sie auch die Hoffnung, dass wir uns gegenseitig anfeuern könnten. Zu wem sie das meiste Vertrauen hatte, das weiß ich nicht so recht. Es lag noch der Umstand vor, dass Familie R. den Tag zu einer Beerdigung ging und wir beide allein sein würden. Sie stand vor dem Haufen Holz und sah ihn in Gedanken schon nach oben getragen.
Aber sie hatte wohl nicht mit dem Unternehmungsgeist ihres Sohnes gerechnet, Denn kaum waren die Herrschaften um die Ecke verschwunden, da kam Gerhard mit seiner Idee heraus: „wir werden das anders machen..." Und nun entwickelte er mir seine Gedanken: „wir werden doch nicht das Holz so korbweise auf den Boden schleppen. Wir bauen uns einen Flaschenzug nach oben. Dann wirst du sehen, wie es dann flutscht".
Mir war das alles nicht ganz klar und ich hätte ganz einfach angefangen, das Holz mit dem Korb nach oben zu tragen. Aber der Sohn des Hauses hatte ja wohl das Hauptwort zu führen und so fügte ich mich einfach. Ich lehnte natürlich jede Verantwortung für das fragwürdige Experiment ab.
Er brachte jetzt allerlei Geräte herbei, wie Rollen, Seile, Nägel, Schrauben usw. Wir mussten uns auch beeilen, wenn wir noch etwas schaffen wollten. Da sahen wir dann auch bald die vielen Schwierigkeiten, den der Flaschenzug musste um viele Ecken herumgeführt werden. Das war ein Unding, und wir hätten das einsehen müssen. Aber Gerhard war nicht abzubringen, er lebte nur als Erfinder und versuchte es auf diese und jene Art. Ich wusch meine Hände in Unschuld. Je mehr die Zeit verstrich, um so mehr steigerten wir unsere Anstrengungen.
Das Unheil nahm seinen Lauf, denn die Zeit rückte immer näher, wo Frau R. wie eine strafende Nemesis vor uns stehen und Rechenschaft für die nutzlos verbrachten Stunden fordern würde. Ich konnte mich ja entschuldigen... Und so kam es dann auch.
Plötzlich standen die beiden wieder vor uns. Die Beerdigung war zu Ende. Der Blick von Frau R. ging über den Berg Holz von dem kein Stück verschwunden war. Dann wurden einige knappe Fragen gestellt, die ich von mir aus eindeutig beantworten konnte. Für Gerhard war es schon schwieriger.
Ich durfte nach Hause gehen, das war einfach. Gerhard musste mit nach oben in die Wohnung. Von dem Holz war nicht mehr die Rede, wir waren beide in Ungnade gefallen. Eines Tages war ohne unser Zutun der Haufen Holz verschwunden.


Autor: R. Sch. (1974)
[Auszug aus "das Vorwort aus der Reihe: 'Geschichten, Schnärzchen, und andere Begebenheiten von und über Stolberg/Harz, Heft 4 - 100 Jahre Schule, nach Erzählungen von Stolbergerinnen und Stolbergern', mit freundlicher Genehmigung von S. Oppermann.]